Quelle: NN 05.09.2011

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Zeitungsartikel von Reinhard Kalb in der NZ vom 8.6.2011

Ursula Rieger auf den Spuren des jungen Albrecht Dürer

"Mit der Agnes war er schnell fertig"

Nürnberg  - Den etablierten Albrecht Dürer im Pelz mit Christus-Gestus, Freund des Kaisers und der Kurfürsten, auf Du und Du mit den Gelehrten seiner Zeit, den kennen wir ja alle. Aber was ist mit dem jungen Dürer?

Mit klein Albrecht, der von grobknochigen Malergesellen getriezt wird, der, kaum flügge geworden und Italien bewundernd, von seinem Papa mehr oder weniger zwangsverheiratet wird?

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ lautet der Spruch, und das musste auch unser aller Lieblingsmaler erfahren. Aber was wissen wir darüber? Wer mehr wissen will, kann sich gedulden bis zum nächsten Jahr, wenn das Germanische Nationalmuseum seine Schau über den frühen Dürer eröffnet. Oder er geht gleich auf eine Stadtführung mit: am Samstag, 11. Juni, lädt Ursula Rieger vom Verein der Gästeführer Nürnberg „Die Stadtführer“, zu einer zweistündigen Tour.

Hauskauf beendete die Jugend

Der „junge“ Dürer – wo ist da die Obergrenze, wann ist er denn der „reife Dürer“? Ursula Rieger gesteht unserem Albrecht eine lange Jugend zu und setzt das Ende der Jugend bei Ende 30 an, nämlich dann, wenn Meister Albrecht das sattsam bekannte Dürerhaus kauft. Das war schon damals eine illustre Adresse, wohnte da doch bis dato der namhafte Astronom Bernhard Walter darin.

Und das Geburtshaus? „In der Waaggase, da, wo jetzt die zwei Robinien stehen“, grinst die Stadtführerin. Das verloren gegangene Haus war ein Zinshaus, das heißt, die Eltern Dürer wohnten dort zur Miete. Aber Albrecht verbrachte dort nur seine ersten vier Lebensjahre, dann verbesserte sich die Familie deutlich nach oben, nämlich „unter der Vesten“.

Die vielleicht bedeutendste Entscheidung traf Papa Albrecht. Der hatte tatsächlich die Einsicht, seinen Buben nach zwei oder drei Jahren Lehrzeit seine Ausbildung zum Goldschmied abbrechen zu lassen. Denn wie unser Meister später notiert: „Meine Lust trug mich mehr zu der Malerei hin.“ Das bedeutete nicht allein hinausgeworfenes Geld für den Alten, es bedeutete für den Jungen auch einen Neuanfang als Malergeselle, der den gleichaltrigen Gesellen um drei Jahre in der Ausbildung hintendran war. Höchste zeichnerische Begabung bei noch unausgegorenem Farbgefühl – das weckt Spott und Neid zu gleichen Teilen. Mobbing war an der Tagesordnung.

Die übliche „Walz“ führte Dürer nach Italien, von wo er die Kenntnis von der Zentralperspektive sowie Rezepte für haltbarere Farben mitbrachte. Die Heirat mit der um vier Jahre jüngeren Agnes Frey hatte der Vater arrangiert. Die finanzielle Versorgung zählte, Liebe kommt schon von allein. Oder auch nicht? Ursula Rieger blickt auf Dürers Selbstbildnis als junger Mann (im Louvre) und auf die Zeichnung von Agnes: „Für sein Bild hat er sich Zeit gelassen und mit ihr war er schnell fertig.“

Hätte Dürer seine Karriere nicht auch so durchgesetzt? „Sicher, aber nicht so schnell“, glaubt Ursula Rieger. „Er ist einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufgewachsen.“ Nürnberg hatte das engstmaschige und weitestgespannte Handelsnetz aller deutschen Städte, und die Zeit war geprägt von enormen Umbrüchen. Konstantinopel 1453 verloren, 1492 ein völlig neuer Erdteil entdeckt, die Kunde, dass die Erde eine Kugel ist und nicht im Zentrum des Alls schwebt, sowie die Weltuntergangsstimmung um 1500 – eine spannende Zeit für aufgeschlossene Geister. Nicht zu vergessen die familiären Bande: dass Anton Koberger, Nürnbergs größter Drucker und Verleger, einst klein Albrecht aus der Taufe gehoben hat, ist vielleicht mehr als nur ein glücklicher Zufall. Hinzu treten Dürers Talent für Selbstvermarktung und der Einsatz des „AD“-Monogramms als Copyright-Zeichen.

Trotz aller Angebote, in Venedig zu bleiben oder sich in Wittenberg als Hofmaler bei Friedrich dem Weisen niederzulassen, blieb Dürer Nürnberg treu. Lag das allein an der fränkischen Heimatverbundenheit? Oder nicht doch eher an der Infrastruktur?

Anmerkung:
Die "Walz" führte Dürer an den Oberrhein, erst etwas später reiste er nach Venedig.